Freundschaft mit der Natur

Freundschaft mit der Natur

Naturphilosophische Praxis und Tiefenökologie

von Robert Josef Kozljanic

168 Seiten
Format: 14,8 X 23,0
Broschur
ISBN: 978-3-927369-12-2

Philosophie und Praxis stehen in einem Polaritätsverhältnis zueinander: Sie erhellen und vertiefen sich gegenseitig. Umso erstaunlicher, dass dieses Polaritätsverhältnis weder von seiten der Philosophie noch von Seiten der Praxis genügend Beachtung findet. Robert Josef Kozljanic entwirft eine naturphilosophische Praxis, die sich dieser Polarität zuwendet. Grundlage seines Denkens ist ein reicher Schatz von Naturerfahrungen, die dem Buch eine ungewöhnlich persönliche und authentische Note verleihen. Mit einer Fülle von Anregungen schafft es Kozljanic, ein Naturbild zu vermitteln, in dem sich das persönliche Mensch-Sein vollständig aufgehoben fühlen kann. Mit nachvollziehbaren Beispielen zeigt er, wie sich an und in der Natur gewonnene Einsichten in die persönliche Lebensführung, in das soziale Umfeld, in Bildungszusammenhänge und in die Politik einführen lassen. Seine klare Sprache erschließt auch die naturphilosophische Theoriebildung anhand der Naturmodelle von Gustav Carus, Ludwig Klages und Arne Naess auf leicht nachvollziehbare Weise. »Freundschaft mit der Natur« weist einen durchdachten, an der eigenen Lebenspraxis erprobten Weg für alle, die einen neuen Zugang zur inneren und äußeren Natur suchen.

Freundschaft mit der Natur
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Rezensionen

von Rainer Schilling am 17.03.2010 in Hagia Chora

Natur ist in Neuzeit und Moderne zu einer Ressource des Menschen geworden – einem Stoff, dem der Mensch gemäß seinen Zwecken Form gegeben hat. In der Natur einen Eigenwert zu sehen, musste mit Voranschreiten der wissenschaftlich-technischen Zivilisation als romantizistische Anwandlung betrachtet werden. Diesem feindschaftlichen Verhältnis zur Natur setzt das Buch von Robert KOZLJANIC Wege zur Kultivierung eines freundschaftlichen Verhältnisses entgegen. Damit steht der Autor nicht nur naturphänomenologischen und lebensphilosophischen Denkrichtungen nahe, die die ökologische Krise der wissenschaftlich-technischen Zivilisation in ihrem Philosophieren berücksichtigen. Das Buch gliedert sich darüber hinaus auch in den Bereich dereinst von ACHENBACH initiierten philosophischen Praxis ein, in der jedoch spezifisch naturphilosophische Reflexion randständig geblieben ist. Insofern kann KOZLJANICS Ansatz in Anspruch nehmen, ein „absolutes Novum“ (S. 10) in diesem Bereich zu sein. Der Untertitel „Naturphilosophische Praxis und Tiefenökologie“ untertreibt: Es geht KOZLJANIC nicht nur um naturphilosophische Praxis im Rahmen einer zu kultivierenden freundschaftlichen Einstellung gegenüber der Natur, sondern um eine „neue Naturphilosophie“ (S. 12), die nach den Vorstellungen des Autors „vielseitig“ und damit zugleich theoretisch, poetisch, historisch und in erster Linie eben auch praktisch sein soll. Mit diesen vier vom Autor für eine „neue Naturphilosophie“ als notwendig erachteten Dimensionen wird der tiefenökologische, auf Arne NAESS zurückgehende Ansatz einerseits gewürdigt, andererseits kritisch beleuchtet. So kritisiert KOZLJANIC vor allem den in seinen Augen synkretistischen Charakter dieses Ansatzes: „Evolutionistische Naturkonzepte stehen unverbunden neben pantheistisch- spinozistischen; diese wiederum werden mit hinduistischen und zenbuddhistischen ‚Natur’-Erfahrungen vermengt und mit einem Schuss christlicher Nächstenliebe versehen.“ (S. 33–34)
Den vier Dimensionen seiner „neuen Naturphilosophie“ folgen auch die fünf Kapitel des Buches, insofern KOZLJANIC– nicht erst durch seine Dissertation zum „Genius loci“ ausgewiesener Kenner auf diesem Gebiet – in Kapitel 2 fünf geschichtliche Naturzugänge auf ihre praktische, theoretische, poetische und historische Stichhaltigkeit untersucht: den „neuzeitlich-naturwissenschaftlichen“ sowie „neuzeitlich-ästhetischen“, den „mittelalterlich sinnbildlich-allegorischen“, den „olympisch-mythisch-atmosphärischen“ und den „archaisch-mythisch-daimonischen“ Zugang. Mit Ausnahme des „’natur’-wissenschaftlichen Natur-(Nicht-)Zugangs“ stellt KOZLJANIC in Kapitel 3 sechs „naturphilosophische Einzelpraktiken“ („tiefenökologisches Selbstverwirklichungskonzept und die Identifikationspraxis“, „naturästhetische Praxis“, „sinnbildliche Praxis“, „olympisch-mythische Praxis“, „Trancepraxis“ und „Inkubationspraxis“) und mit der „Visionssuche in freier Natur“ eine „naturphilosophische Radikalpraxis“ vor, die „als eine Art naturverbindender Urpraxis“ (S. 52) über indianische und germanische Bräuche hinaus z. B. auch von Moses am Berg Horeb und Jesus in der Wüste praktiziert worden sei. In der Darstellung kommt der praktische Aspekt auch darin zum Ausdruck, dass KOZLJANIC – fundiert nicht zuletzt durch die Beschreibung eigener Erfahrungen, welche die Authentizität des Anliegens von KOZLJANIC unterstreichen– anschaulich Schritt-für- Schritt-Anleitungen und Tipps für die einzelnen Praktiken schildert, die jedoch stets auch die historische, poetische und theoretische Dimension mitberücksichtigen, so dass man sich auchein Bild von diesen Praktiken in vergangenen Kulturen machen kann. So skizziert KOZLJANIC z. B. die bis in die Antike zurückreichende Geschichte des Inkubationsritus, „des Schlafens an einer heiligen Stätte, um vor allem durch Traum […] von der ortsansässigen göttlichen Macht eine Weisung und/oder Hilfe zu erhalten“ (S. 48–49) am antiken Heilschlaf im Asklepiostempel ebenso wie die Übernahme solcher Kulte durch christliche Inkubationspraxen. Der praktische Aspekt von KOZLJANICS Buch kommt auch in Kapitel 4 mit den „Einsatzfeldern naturphilosophischer Praxis“ zum Zug. Beleuchtet werden Praktiken in den Bereichen „Lebensberatung und Therapie“, Politik, Erlebnispädagogik, Erwachsenenbildung und, wie der Autor einräumt – „eher an die Fachleute unter der Leserschaft“ (S. 69) gerichtet – Landschaftsgestaltung. Dabei wird Christopher ALEXANDERS „Pattern-Language-Konzept“, das der Autor unter Betonung von„lebensräumlichen Erfahrungsaspekten“ als „Ortsaspekt-Konzept“ vorstellt, und seine Anwendung durch COATES und SEAMONim Meadowcreek-Tal besonders ausführlich beschrieben – zumal der Autor in ihm einen zukunftsweisenden Ansatz sieht (S. 71/76): Man erspürt „heuristisch, rhapsodisch und mehrdimensional“ (S. 70) an einem Ort bestimmte für ihn charakteristische Aspekte und verwirklicht andere, die der Einzigartigkeit des Ortes und den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen.Um – wie im Einführungskapitel dargelegt – den Fokus auch auf die Kohärenz der „neuen Naturphilosophie“ zu legen und um rational begründete Handlungsziele anzugeben, ohne empiristisch und damit biologistisch oder „szientizistisch- esoterisch“ (S. 13) vorzugehen, greift KOZLJANIC im der Theorie gewidmeten Kapitel 5 auf die naturphilosophischen Ansätze von Carl Gustav CARUS und dem Lebensphilosophen Ludwig KLAGES zurück. Dabei werden die Ansätze dieser Autoren nicht nur vorgestellt, sondern mit Blick auf die vier Dimensionen „neuer Naturphilosophie“ diskutiert, relativiert und ergänzt. Die theoretische Fundierung setzt mit CARUS und KLAGES sehr auf eine Entgegensetzung der, wie es bereits eingangs heißt, „vorgängigen“, „umfassenden“, als „großen Ur-Grund“ und mit CARUS als „unbewusstes All-Leben“ aufgefassten Natur gegenüber dem menschlichen Geist. Damit bringt der Autor die sich stets wandelnde und somit heraklitistisch betrachtete Natur in Stellung gegen den eleatistisch das Sein erfassenden menschlichen Geist, den Logos. Diese Entgegensetzung impliziert, dass der Geist für ein feindschaftliches Verhältnis zur Natur, wie es sich in einer überdimensionalen Technisierung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen einschließlich der hierdurch bedingten ökologischen Folgen zeigt, verantwortlich gemacht wird. Ob eine solche Entgegensetzung für eine theoretische Fundierung eines freundschaftlichen Umgangs mit der Natur zwingend oder gar wegweisend sein muss, wäre angesichts alternativer naturphilosophischer Ansätze diskutierbar.
KOZLJANICS hauptsächlich der ‚praktischen Befreundung’ gewidmetes Konzept lässt erahnen, welch komplexe Fragen sich nicht nur mit Blick auf den theoretischen, sondern auch auf den ethischen Aspekt ergeben. Denn auch wenn es angesichts der Naturkrise in unserer Zeit notwendig erscheinen mag, Natur anzuerkennen, anstatt sie zu bekämpfen, so bleibt offen, inwieweit innerhalb eines freundschaftlichen Verhältnisses auch Distanzen möglich und nötig sind und wie diese theoretisch mitgedacht werden können. So etwa, wennKOZLJANIC ganz nebenbei mit Blick auf die „Inkubationspraxis“ vor dem Verzehr von giftigen Blättern oder Nadeln warnt (S. 51) oder wenn er einräumt, dass manche Menschen aufgrund ihrer körperlichen Konstitution vor bestimmten naturphilosophischen Praktiken wie der „Visionssuche“ doch ggf. besser ärztliche Beratung einholen sollten (S. 61). Dies mag einem einerseits selbstverständlich erscheinen, doch müsste man nicht andererseits folgern, dass die dem Menschen schadenden Aspekte von Natur wie Krankheiten oder Naturkatastrophen nicht nur als Folgen von menschlichem Eingriff verstanden werden können, sondern in der Beschaffenheit der Natur begründet sind?Und sind dann nur Teilaspekte von Natur der Befreundung wert oder sind auch sie Teil des Freundschaftsverhältnisses?Und soll man der Freundin Natur hinsichtlich diesesnegativen Aspekts folgen oder ist eine Distanzierung innerhalb der Freundschaft möglich? Dies jedoch würde den Rahmen des Buches sprengen, dem es doch darum geht, überhaupt erst einmal reflektiert und unter Berücksichtigung des kulturgeschichtlichen Hintergrundes Wege aufzuzeigen, auf denen Natur nicht – wie in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation üblich geworden – bekämpft, sondern anerkannt wird. Wer solche Wege selbst gehen möchte und Perspektiven für eine Integration von Naturzugängen in die eigene Lebensgestaltung sucht, dem dürfte KOZLJANICSBuch eine sehr guteund authentische Orientierungshilfe sein. Und wenn der Autor mit den Worten schließt: „solange unser westlicher Geist […] nach wie vor und in immer ungeheureren Ausmaßen Leben vernichtet, solange der ‚Mythos der Maschine’ die unterschwellige abendländische Metaerzählung bleibt: solange besteht die klagessche These vom ‚Geist als Widersacher’ zu Recht. Jeder philosophische Versuch, diese These zu depotenzieren, muss solange als Rationalisierung gedeutet werden, bis dieser westliche Geist – ohne allen Selbstbetrug – von sich her gezeigt hat, dass er auch Freund von Natur, Leben und Seele sein kann“ (S. 137–138), mag man nach der Lektüre des Buches eine spontane Antwort finden. Denn wer KOZLJANICS geistreiches Buch mit Gewinn gelesen hat, dürfte geneigt sein, dem Autor hierin zu widersprechen.