Edition Hagia Chora
Im Bann der sinnlichen Natur
Die mehr als menschliche Welt und die Kunst der Wahrnehmung
von David Abramca. 250 Seiten
Broschur
ISBN: 978-3-927369-45-0
Kaum jemand zeigt so ermutigende Wege aus der inzwischen lebensbedrohlichen, selbstgezimmerten Isolation des Menschen gegenüber der Natur auf, wie der amerikanische Philosoph, Ökologe und Anthropologe David Abram. Inspiriert durch die Philosophie des Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty und seine langjährigen Reisen als Taschentrickkünstler durch Südostasien, auf denen ihn intensive Naturerfahrungen und Begegnungen mit indigenen Schamanen prägten, entwirft er eine vollständig im Körper verankerte ökologische Philosophie. Dabei ist für ihn der Körper keine mechanistisch-biologische Maschine, sondern das mit allen Sinnen wahrnehmende, lebendige Selbst, das unsere Sprache prägt und aus seiner Bezogenheit auf die lebendig atmende Natur heraus lebt. Mit seiner reichen, poetischen Sprache verlockt er zur sinnlichen Erfahrung einer sprechenden, fühlenden, beseelten und geheimnisvollen Natur und der Landschaft, in der wir leben. Diese innige körperliche Verbundenheit ist für ihn keine romantische Pose, sondern die Quelle für ökologisches und politisches Engagement. Ein mehrfach ausgezeichnetes Buch, das die Ökologie-Bewegung in den USA wesentlich geprägt hat.
Leseprobe (Artikel aus der Zeitschrift Hagia Chora, Ausgabe 28)
David Abram: Das Unsichtbare der Welt – Warum sich die Geister berühren lassen
Leben – das ist ein Tanz mit einem unbekannten Partner, dessen Schritte man nie ganz vorhersagen kann, eine Improvisation in einem Kräftefeld, dessen Spiel wechselnder Qualitäten über unsere Haut huscht und zwischen unseren Zellen pulsiert, dessen Ursprung und tiefstes Wesen jedoch dem Zugriff unseres Denkens keinen Halt bietet. Ja zu sagen zu unserer sinnlich-körperlichen Existenz und so inmitten der Welt zu erwachen, heißt, der anmaßenden Weltsicht „von außen“ abzuschwören, dem Wahn, man könne eines Tages jedes Detail über den Lauf der Welt ergründen und berechnen.
Freilich gibt es viele Facetten oder Kräfte der Welt, die wir benennen können – Sonne, Ackerboden und Klippe, Bär und Vogel, Vollmond und Sichelmond, Wolke, Regen, Fluss. Doch gerade die Gegenwart all dieser Wesen in demselben Feld, in dem auch wir leben, bedingt, dass wir einzelne ihrer Aspekte nicht sehen können; jede sichtbare Facette der Welt spricht zu uns von Dimensionen, die nicht sichtbar sind.
Sich in andere Maßstäbe der Existenz – mikroskopische oder submikroskopische – hineinzuversetzen, ist gar nicht nötig, um der Unsichtbarkeit der Welt gewahr zu werden, auch müssen keine immateriellen oder übernatürlichen Dimensionen beschworen werden. Es reicht völlig aus, seine Aufmerksamkeit auf die sinnlich erfahrbare Landschaft und die ganz gewöhnlichen Wesen, die diese Landschaft bevölkern, zu richten. Schon da begegnet uns der nicht-sichtbare Charakter dessen, was hinter den tatsächlich sichtbaren Dingen liegt. Jedes undurchsichtige Gebilde verbirgt die hinter ihm befindlichen Dinge und besitzt selbst eine andere Seite, die unseren Blicken gegenwärtig nicht zugänglich ist. Zwar können wir unsere Position ändern, um einen Blick auf diese andere Seit zu erhaschen – doch dann haben sich wiederum andere Aspekte verborgen, und was wir vor wenigen Sekunden noch klar gesehen haben, ist verschwunden, hat sich durch das vor ihm Liegende verfinstert. Wo immer wir uns auch hinbewegen und uns drehen und winden, dieser seltsamen Unsichtbarkeit der sichtbaren Welt, mit der sie sich hinter sich selbst versteckt, können wir nicht entfliehen.
